Sinfoglio - die Philosopie

von unserem Musikalischen Leiter, Walter Säckl, Augsburg

Singen für alle - ohne Notenblatt

Im Projekt Sinfoglio kennt man weder Text- noch Notenblatt. Daher auch der Name des Projekts, ein Kunstwort aus sine [lat.]: ohne und foglio [ital.]: Blatt. Alle Lieder werden durch Vor- und Nachsingen erlernt. Beim Einstudieren eines neuen Liedes singe ich zuerst einmal die Melodiestimme der ersten Strophe des Liedes incl. Refrain und/oder Zwischenteile vor. Hierbei bekommt der gesamte Chor einen ersten Eindruck von Charakter, Melodieführung und Aufbau des Liedes und hört bereits den Text der ersten Strophe im Zusammenspiel mit der Melodie. Text und Melodie bilden von Anfang an eine untrennbare Einheit. Im zweiten Schritt wird die Melodiestimme mehrfach wiederholt, wobei längere Lieder oder Lieder mit mehrteiligem Aufbau in einzelne Abschnitte aufgeteilt werden. Das Singen der ersten Stimme eines Abschnittes wird so lange wiederholt, bis diese relativ sicher sitzt. Anschließend singe ich abschnittsweise die weiteren Stimmen vor, die wiederum mehrfach nachgesungen werden und dann Stück für Stück zu einem Gesamtklang zusammengesetzt werden. Durch Kombination der unterschiedlichen Nebenstimmen mit der ersten Stimme erhören die Sänger relativ schnell den harmonischen Aufbau des Liedes. Die einzelnen Abschnitte werden also zuerst im mehrstimmigen Zusammenklang gesungen, bevor zum nächsten Abschnitt weitergegangen wird.

"Hast du keine Ohren?"

Vielleicht stellst du dir jetzt die Frage, warum wir nicht einfach vom Blatt singen, wo das doch wesentlich weniger Aufwand bedeutet und sehr viel schneller geht!? Von Rudi Pietsch, einem mir persönlich bekannten Professor am Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie an der Universität für Musik und darstellende Kunst der Stadt Wien und Primas der Wiener Tanzgeiger, wird folgende Anekdote erzählt: Er musste vor vielen Jahren einmal für eine Tanzveranstaltung auf einen Aushilfsmusikanten aus seiner Musikstudentenriege zurückgreifen. Dieser bat vor seinem Auftritt um entsprechendes Notenmaterial. Pietsch hat es in seiner - nur auf den ersten Blick - trivialen Antwort auf den Punkt gebracht: "Wozu brauchst du Noten? Hast du keine Ohren?" Damit ist alles gesagt! (Dieser auf das instrumentale Musizieren bezogene Satz gilt nach meiner Erfahrung ebenso für das auswendig Singen; genauso wie umgekehrt alles, was im Folgenden über das auswendig Singen gesagt wird, entsprechend auf das auswendig Musizieren anzuwenden ist.) ...