Sinfoglio - die Philosopie

von unserem Musikalischen Leiter, Walter Säckl, Augsburg

Kleinkinder wissen nichts von Musiktheorie

Die wichtigsten Organe des menschlichen Körpers zur Erzeugung bzw. Wahrnehmung von Gesang sind der Kehlkopf bzw. das Ohr. Ein Auge braucht es hierzu nicht. Wäre es anders, wären Blinde nicht imstande Musik zu machen und/oder zu singen. Ebenso wenig sind zum Singen irgendwelche Vorkenntnisse in Notenlesen, Musiktheorie, Harmonielehre usw. nötig. Der beste Beweis hierfür sind singende Kleinkinder, die problemlos einfache Kinderlieder nachsingen können, die ihnen ihre Eltern und/oder Großeltern vorsingen. Ein jeder von uns hat wohl als Kind das Lied "Alle meine Entchen" oder ein vergleichbar populäres Kinderlied gelernt. Beachtenswert dabei ist, dass wir alle diese Lieder selbst in hohem Alter noch problemlos incl. Text singen können. Und das, obwohl wir zum Zeitpunkt des Erlernens garantiert kein Notenblatt in Händen hielten und weder Noten noch Text lesen konnten.

Wer Ohren hat, der höre!

Damit will ich nicht sagen, dass Noten verzichtbar wären. Sie haben absolut ihre Berechtigung, und dieses System der Aufzeichnung von Musik hat sich ja in der Praxis längst bewährt. Ohne Noten wäre die Wiedergabe von Werken mit großer Länge und vielen Stimmen unverhältnismäßig schwierig und/oder undenkbar. Auch wäre es zeitlich wesentlich aufwändiger, solche Werke ohne Noten zu vermitteln, da in diesem Fall alle Stimmen in voller Länge vor- und nachgesungen werden müssten, was in der Praxis nicht machbar ist.
Ich stelle lediglich fest, dass man auch ohne Noten und Notenkenntnisse singen kann. Und in meinen Augen wird in fast allen Chören und/oder Musikschulen zu früh und zu einseitig der Schwerpunkt auf das Notenlesen und das Singen (resp. Musizieren) nach Noten gelegt; die Verlockung der damit verbundenen schnelleren Erfolge ist wohl zu groß; nur kommt dadurch das — mindestens gleichberechtigte und für Rhythmusgefühl und Melodieverständnis immens wichtige — Singen nach Gehör viel zu kurz. Daraus resultieren nach meiner Überzeugung beispielsweise zwei weit verbreitete Phänomene: Sänger, die oft nach Jahren aktiven Singens in einem Chor nicht imstande sind, ein seit Jahren bekanntes und vielfach nach Noten gesungenes Werk auswendig zu singen; und sei es noch so trivial. Sowie die Unfähigkeit, sich langfristig (wenn überhaupt) mehr als eine Strophe eines Liedes auswendig zu merken. ...